Medizinische Klinik und Poliklinik
für Onkologie und Hämatologie
Charité Campus Mitte
Dir. Prof. Dr. Kurt Possinger

Jahrgang 6, Ausgabe 2/2001
     
Cannabis - die verbotene Medizin?
     
 
Cannabis - der Wirkstoff der Hanf-Pflanze - zaehlt zu den aeltesten von Menschen benutzten Substanzen aus Heilpflanzen ueberhaupt. Schon in den aeltesten Dokumenten der Medizingeschichte, wie dem Arzneibuch des chinesischen Kaisers Shen Nung aus dem Jahre 2737 vor Christus wurde es als „Medikament“ erwaehnt. In den meisten antiken Hochkulturen von Indien, Persien ueber das alte Aegypten und Griechenland bis hin zum europaeischen Mittelalter (z.B. bei Hildegard von Bingen) wurde es verwendet. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war es in der westlichen Medizin in verschiedensten Zubereitungsformen und Indikationen weit verbreitet. Erst mit dem Siegeszug der naturwissenschaftlich orientierten Medizin der folgenden Jahrzehnte mit ihren großen Fortschritten in der Biochemie und Pharmakologie trat der Hanf als Arzneipflanze etwas in den Hintergrund. Im Gegenzug trat in der oeffentlichen Wahrnehmung die Moeglichkeit des Missbrauchs als Rauschgift mit seinen negativen Folgen staerker hervor. In vielen Laendern wurde daher der Gebrauch von Hanfprodukten der Betaeubungsmittelgesetzgebung unterworfen. Diese Entwicklung behinderte bis vor kurzem die systematische wissenschaftliche Erforschung der Inhaltsstoffe des Hanfes und ihrer Wirkungen auf den Menschen. Erst in den letzten 10 Jahren wurden die umfangreichen historischen Berichte und der reiche Erfahrungsschatz der internationalen Volksmedizin um wesentliche Erkenntnisse der modernen naturwissenschaftlichen Medizin erweitert. So wurden, aehnlich wie fuer eine Reihe anderer Substanzen, spezifische Rezeptoren im Gehirn und auf Immunzellen des Menschen entdeckt. Es handelt sich dabei um Kopplungsstellen, an denen sich Cannabis mit den Zellen verbindet, um seine Wirkung im Stoffwechsel der Zelle zu entfalten. Auch wurden koerpereigene Cannabinoide aufgespuert. Der menschliche Organismus selbst bildet diese mit Cannabis verwandten Stoffe. Sie ueben eine eigene Funktion im komplizierten Netzwerk der biochemischen und psychischen Koordination des Organismus aus. Ueber die genaue Rolle dieser koerpereigenen Cannabinoide wissen wir allerdings noch sehr wenig.
Wie koennen wir aber das bisherige Wissen ueber Cannabis bereits heute fuer Patienten nutzen ?
Die Cannabispflanze enthaelt mehr als 460 bekannte Komponenten, darunter ueber 60 Stoffe, die zu den typischen Cannabinoiden gezaehlt werden. Diese haben im menschlichen Organismus sehr unterschiedliche, zum Teil gegensaetzliche Wirkungen. Der quantitativ wichtigste Inhaltsstoff ist Tetrahydrocannabinol (THC). Diese Substanz ist fuer die Wirkung auf das menschliche Nervensystem vor allem verantwortlich. Intensive Forschungsarbeiten laufen in Deutschland mit synthetischen Cannabinoiden. Bei diesen mit THC verwandten Wirkstoffen werden einzelne Komponenten der komplizierten Wirkungsweise der Cannabinoide durch geringfuegige Aenderungen der chemischen Struktur besonders hervorgehoben. Als ein Resultat dieser Aktivitaeten deutet sich an, dass in Kuerze neue schmerzstillende Medikamente auf der Basis der Cannabinoide zur Verfuegung stehen werden. Diese erweitern das bisher verfuegbare Arsenal an Schmerzmitteln. Vor allem schwer zu lindernde Schmerzen, wie sie zum Beispiel bei Nervenschaedigungen auftreten, koennen so bald wirksamer bekaempft werden.
In verschiedenen Studien wurde bewiesen, dass Uebelkeit und Erbrechen, die zum Beispiel nach einer Chemotherapie auftreten, durch Cannabinoide gelindert werden. Auch die haeufig mit einer Tumorerkrankung einher gehende Appetitlosigkeit mit der Folge eines bedrohlichen Gewichtsverlustes koennen z.B. mit THC bekaempft werden. In den USA und Großbritannien sind bereits Medikamente, die THC als reine Substanz enthalten, auf Rezept verfuegbar. Jedoch sind sie bei einigen Patienten mit unerwuenschten Nebenwirkungen behaftet und zudem sehr teuer.
Unsere Klinik hat sich federfuehrend an der Erarbeitung eines neuen Studienkonzeptes zur Verbesserung der Einsatzmoeglichkeiten von Cannabinoiden fuer unsere Patienten beteiligt. Dabei wird neben der Reinsubstanz THC ein standardisierter Extrakt aus der Cannabis-Pflanze eingesetzt. In diesem als Kapsel aufbereiteten Extrakt sind neben THC weitere Cannabinoide enthalten, die das Medikament deutlich besser vertraeglich machen. Dazu ist es erheblich preiswerter als die chemisch reine Substanz. Bereits seit etwa eineinhalb Jahren setzen wir das Praeparat bei Patienten ein, die infolge ihrer Tumorerkrankung unter Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme leiden.
Bei sachgerechtem medizinischem Gebrauch der Cannabinoide in Form von Kapseln in richtiger Dosierung sind negative Auswirkungen, wie sie beim Missbrauch als Rauschdroge vorkommen, nicht zu befuerchten. Sollten Sie weitere Informationen wuenschen oder Interesse an einer Behandlung von Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust als Folge einer Tu-morerkrankung haben, fragen Sie bitte Ihren behandelnden Arzt in unserer Klinik.